Zusammenfassung
Etwa 10 bis 20 Prozent der Menschen, die nach einem Herzstillstand wiederbelebt werden, berichten danach von Erlebnissen, die sie der Zeit ihrer Bewusstlosigkeit zuordnen: vom Schweben über dem eigenen Körper, von einem Licht, einem Rückblick auf das eigene Leben oder einer Grenze, nach der es zurückgeht. Die Berichte ähneln sich so stark, dass die Forschung sie seit Anfang der 1980er-Jahre mit standardisierten Skalen misst. Der Versuch, das Sehen von oben zu überprüfen, hat bisher keinen Beleg gebracht: In zwei großen AWARE-Studien hat niemand eines der Testbilder erkannt, allerdings bei sehr wenigen auswertbaren Fällen. Die Hirnforschung hat Kandidaten für einzelne Bausteine: Sauerstoffmangel, eine gestörte Verarbeitung in bestimmten Hirnarealen, ein letztes Aufflackern schneller Hirnwellen und eine Flut körpereigener Botenstoffe. Belegt ist davon vieles allerdings nur über Umwege. Was das Gehirn liefert, deutet die Kultur, und sie prägt sogar mit, welche Bausteine überhaupt berichtet werden.
Wie oft es vorkommt
Ein Herzstillstand ist der Zustand, in dem die Medizin dem Tod am nächsten kommt und Menschen trotzdem zurückholt. Wer reanimiert wird, hatte Sekunden bis Minuten keinen Kreislauf und kein erkennbares Bewusstsein. Ein Teil dieser Menschen erzählt danach von Erlebnissen, die sie genau dieser Zeit zuordnen. Wann sie tatsächlich entstehen, während des Stillstands, während der Reanimation oder beim Aufwachen, lässt sich im Nachhinein nicht feststellen.
Wie groß dieser Teil ist, hängt davon ab, wo und wie man fragt. Die bekannteste Studie stammt aus den Niederlanden: Der Kardiologe Pim van Lommel befragte 344 Patienten nach einem Herzstillstand. 62 von ihnen (18 Prozent) berichteten von einer Nahtoderfahrung, 41 von einer ausgeprägten, einer sogenannten Kern-Nahtoderfahrung. Das sind 12 Prozent aller Befragten.
Andere Studien landen zwischen 9 und 23 Prozent. Eine Übersichtsarbeit in Nature Reviews Neurology nennt 2025 eine Spanne von 10 bis 23 Prozent. Die oft zitierten 10 bis 20 Prozent sind also ein brauchbarer Orientierungswert und keine feste Größe.
Gemessen wird meist mit der Skala des amerikanischen Psychiaters Bruce Greyson von 1983. Sie fragt 16 Merkmale ab, aufgeteilt in vier Gruppen: Denken, Gefühle, scheinbar übersinnliche Wahrnehmungen und das Gefühl, eine andere Wirklichkeit zu betreten. Jedes Merkmal bringt 0 bis 2 Punkte, ab 7 von 32 möglichen Punkten gilt ein Erlebnis als Nahtoderfahrung. Die Schwelle hat Greyson so gelegt, dass sie eine Standardabweichung unter dem Durchschnitt seiner Vergleichsgruppe von Menschen mit Nahtoderfahrung liegt.
Eine Nahtoderfahrung ist damit ein Wert auf einer Skala. Wer 7 Punkte erreicht, zählt in Studien als Fall, wer 6 erreicht, nicht.
Was Betroffene erleben
Bekannt gemacht hat das Thema der amerikanische Philosoph und spätere Arzt Raymond Moody 1975 mit seinem Buch „Life after Life“. Seither werden immer wieder dieselben Bausteine beschrieben, allerdings in wechselnder Reihenfolge und selten alle zusammen.
Außerkörperliche Wahrnehmung. Betroffene erleben sich losgelöst vom eigenen Körper, oft schwebend unter der Zimmerdecke, mit Blick auf die eigene Reanimation oder den Unfallort.
Zeit und Klarheit. Viele beschreiben ein Denken, das schneller und klarer ist als im Alltag, und das Gefühl, dass Zeit keine Rolle mehr spielt.
Tunnel und Licht. Ein dunkler Raum oder Tunnel, an dessen Ende ein intensives Licht steht, das nicht blendet.
Lebensrückblick. Szenen aus dem eigenen Leben laufen sehr schnell oder gleichzeitig ab, oft verbunden mit einer Neubewertung früherer Handlungen.
Grenze. Eine Schwelle, eine Barriere oder eine Entscheidung, nach der es zurück in den Körper geht.
Tatsächlich erlebt kaum jemand alle Bausteine, und wie oft sie vorkommen, passt nicht zum Klischee. Van Lommel hat es bei seinen 62 Patienten ausgezählt. Der Tunnel, das Symbol der Nahtoderfahrung schlechthin, kam bei 31 Prozent vor, der Lebensrückblick bei 13 Prozent. Am häufigsten waren positive Gefühle und das Wissen, tot zu sein.
Nicht jede Nahtoderfahrung ist angenehm
Das Bild vom friedlichen Licht ist trotzdem unvollständig. Ein Teil der Betroffenen erlebt Angst, Leere oder Bedrohung. Greyson und die Forscherin Nancy Evans Bush unterschieden 1992 drei Formen: die typische Erfahrung, die als bedrohlich erlebt wird, weil man die Kontrolle verliert, das Gefühl, allein in einer endlosen Leere zu treiben, und, seltener, höllenähnliche Bilder.
Wie oft das vorkommt, hängt stark davon ab, wie gesucht wird. In van Lommels Klinikstudie berichtete niemand eine belastende Nahtoderfahrung. In einer Sammlung von 190 Berichten an der Universität Lüttich wurden 2014 nur 2 als negativ eingestuft. Als die Lütticher Forscher 2019 123 eingesandte Berichte gezielt nach belastenden Inhalten durchsuchten, kamen sie auf 14 Prozent. Bush selbst zählte in einer eigenen Zusammenstellung, die nicht in einer Fachzeitschrift erschienen ist, in 20 Studien 332 belastende unter 1.910 Nahtoderfahrungen, gut 17 Prozent.
Die Spanne von null bis knapp einem Fünftel hat mehrere Gründe. Bush und Greyson sprechen von einer notorischen Scheu, belastende Nahtoderfahrungen überhaupt zu berichten, und im Gespräch mit dem Arzt, der einen gerade wiederbelebt hat, dürfte sie besonders groß sein. Und wer gezielt nach belastenden Elementen sucht, findet mehr davon. Unter den belastenden Lütticher Berichten waren Nahtoderfahrungen nach Suizidversuchen überdurchschnittlich häufig. Umgekehrt beschreiben Bush und Greyson auch Menschen, die nach einem Suizidversuch Glückseligkeit erlebten.
Der Test mit den versteckten Bildern
Damit zur Frage, die das Thema seit Jahrzehnten antreibt: Nehmen Menschen in der außerkörperlichen Phase tatsächlich etwas wahr, das sie mit ihren Augen nicht sehen konnten? Der Intensivmediziner Sam Parnia hat das mit den AWARE-Studien direkt getestet.
Für die erste Studie wurden in 15 Kliniken in Großbritannien, den USA und Österreich Regale nahe der Decke angebracht, auf denen ein Bild lag, das nur von oben zu sehen war. Von 2.060 Herzstillständen überlebten 330, 140 Patienten konnten befragt werden, 101 davon ausführlich. Von diesen hatten 9 Prozent eine Nahtoderfahrung, 2 Prozent schilderten, während der Reanimation etwas gesehen und gehört zu haben.
Bestätigen ließ sich das bei einem einzigen Patienten. Er beschrieb Personen und Abläufe seiner Reanimation und die Ansagen eines Defibrillators, und die Akten passten dazu. Nach Schätzung der Forscher bezog sich seine Schilderung auf einen Zeitraum von bis zu drei Minuten nach dem Herzstillstand. Belegt ist damit vor allem, dass er etwas gehört hat, nicht, dass er etwas von oben gesehen hat. Ein Bild gab es in seinem Raum nicht: Rund 78 Prozent der Herzstillstände ereigneten sich in Räumen ohne Regal.
Die zweite Studie, veröffentlicht 2023, zeigte während der Reanimation auf einem Computer ein Bild und spielte über Kopfhörer einen akustischen Reiz ab. Von 567 Herzstillständen in 25 Kliniken überlebten 53, mit 28 konnten die Forscher sprechen. 11 von ihnen hatten Erinnerungen oder Wahrnehmungen aus der Zeit der Reanimation, 6 schilderten eine erinnerte Todeserfahrung im Sinne einer Nahtoderfahrung.
Niemand erkannte das Bild. Eine Person erkannte den akustischen Reiz.
Unterm Strich hat in zwei großen Studien niemand ein verstecktes Bild erkannt. Es gibt eine nachträglich bestätigte Schilderung aus einem Raum ohne Bild und einen erkannten Höreindruck, und Kopfhörer am Ohr prüfen das Hören, nicht das Sehen von oben. Ein Beleg für Wahrnehmung außerhalb des Körpers ist das nicht.
Interessanter war ein anderes Ergebnis. Bei einem Teil der überwachten Patienten tauchten im EEG noch 35 bis 60 Minuten nach Beginn der Reanimation Muster auf, die die Autoren als vereinbar mit Bewusstsein deuten. Ob die Patienten mit diesen Mustern auch diejenigen waren, die später etwas berichteten, ist damit nicht gesagt. In der Pressemitteilung zur Studie vermuten die Autoren, dass das sterbende Gehirn seine natürlichen Bremsen verliert und dadurch Zugang zu „neuen Dimensionen der Wirklichkeit“ entstehen könnte. Das ist eine Hypothese, die Messung gibt sie nicht her.
Was im Gehirn passiert
Hier setzt die Hirnforschung an. Sie versteht Nahtoderfahrungen als Reaktion des Nervensystems auf Sauerstoffmangel, Durchblutungsstopp und den Zusammenbruch der Netzwerke in der Großhirnrinde. Für mehrere Bausteine gibt es Kandidaten.
Das Schweben über dem Körper
Wo Schläfen- und Scheitellappen aufeinandertreffen, an der temporoparietalen Verbindung, kurz TPJ, setzt das Gehirn Signale aus Augen, Haut, Gleichgewichtsorgan und Muskeln zu einem einheitlichen Körpergefühl zusammen. Dort entsteht der Eindruck, wo man sich befindet und aus welcher Richtung man auf die Welt schaut.
Wie empfindlich dieses System ist, zeigte 2002 der Neurologe Olaf Blanke in Genf. Als er bei einer Epilepsiepatientin vor einer Operation den rechten Gyrus angularis elektrisch reizte, einen Teil dieser Region, erlebte sie mehrfach, wie sie sich von oben auf dem Bett liegen sah, allerdings nur Beine und Unterkörper. Zwei Jahre später fand sein Team bei fünf von sechs Patienten mit außerkörperlichen Erlebnissen oder Autoskopie, dem Sehen eines Doppelgängers, aus neurologischer Ursache eine Schädigung oder Funktionsstörung genau an der TPJ.
Seither gilt die Region als wichtigster Kandidat für das Schweben über dem Körper. Ein direkter Nachweis, dass ihre Verarbeitung bei einem Herzstillstand entgleist und dabei die außerkörperliche Phase erzeugt, fehlt allerdings. Auch die Übersichtsarbeit von 2025 hält fest, dass die künstlich ausgelösten Erlebnisse dem, was Reanimierte erinnern, nicht genau entsprechen. Die Erklärung ist ein Analogieschluss, wenn auch ein naheliegender.
Der Tunnel: Sehen mit zu wenig Blut
Ähnlich ist es beim Tunnel. Kampfpiloten kennen ihn aus der Zentrifuge. Bei starker Beschleunigung sackt das Blut aus dem Kopf. Sinkt der Druck in den Blutgefäßen des Auges unter den Augeninnendruck, wird die Netzhaut vom Rand her nicht mehr versorgt: Erst verblassen die Farben, dann schrumpft das Gesichtsfeld auf einen Fleck in der Mitte, dann wird es schwarz, und schließlich verliert der Pilot das Bewusstsein. Die Zentrifuge senkt die Durchblutung allerdings schrittweise. Beim Herzstillstand bricht der Kreislauf schlagartig zusammen, Auge und Gehirn verlieren ihre Versorgung fast gleichzeitig, und die Analogie trägt deshalb nur begrenzt.
Der amerikanische Flugmediziner James Whinnery hat fast tausend solcher Bewusstlosigkeiten in der Zentrifuge ausgewertet. Laut Whinnery war der Tunnelblick der letzte Seheindruck vor der Bewusstlosigkeit und der erste danach. Viele Piloten berichteten von kurzen Traumsequenzen mit Familie, Freunden und schönen Orten, dazu Licht, Schweben, das Gefühl, den Körper zu verlassen, und Euphorie. Whinnery selbst hat auf die Ähnlichkeit zu Nahtoderfahrungen hingewiesen.
Die britische Psychologin Susan Blackmore hat 1989 ein zweites Modell vorgeschlagen, das in der Sehrinde ansetzt. Dort ist die Mitte des Gesichtsfelds mit weit mehr Nervenzellen vertreten als der Rand. Feuern diese Zellen ungeordnet, etwa weil bei Sauerstoffmangel die hemmenden Nervenzellen versagen, entsteht deshalb ein heller Fleck in der Mitte, umgeben von Dunkelheit. Beide Erklärungen sind gut begründete Modelle, gemessen wurde in einem sterbenden Gehirn keine von beiden.
Das letzte Aufflackern: Gamma-Wellen
Bleibt die Frage, wie ein Gehirn ohne Kreislauf überhaupt noch etwas erleben kann. 2013 maß die Neurowissenschaftlerin Jimo Borjigin an der University of Michigan bei Ratten, dass in den ersten 30 Sekunden nach dem Herzstillstand schnelle Gamma-Wellen stark zunehmen, über das ganze Gehirn abgestimmt und stärker gekoppelt als im Wachzustand. Erst danach wurde das EEG flach.
Beim Menschen gibt es dazu bisher nur Einzelfälle. 2022 veröffentlichte ein internationales Team das EEG eines 87-jährigen Patienten mit einer Hirnblutung und epileptischen Anfällen, der während einer EEG-Überwachung an einem Herzstillstand starb. Nach dem Herzstillstand nahm der Anteil der Gamma-Wellen zu, und sie waren eng an langsamere Alpha-Wellen gekoppelt. Die Autoren bringen dieses Muster mit dem Abruf von Erinnerungen in Verbindung.
2023 analysierte Borjigins Gruppe vier Sterbende im Koma, bei denen die Beatmung abgestellt wurde. Bei zweien stiegen danach Gamma-Aktivität und Vernetzung an, vor allem im hinteren Teil der Hirnrinde, einer Zone, die mit bewusster Wahrnehmung in Verbindung gebracht wird, und besonders am Übergang von Schläfen-, Scheitel- und Hinterhauptslappen. Dieser Übergang grenzt an die TPJ, ist aber nicht mit ihr identisch.
Gamma-Wellen treten sonst bei konzentrierter Aufmerksamkeit, beim Erinnern und bei erfahrenen Meditierenden auf. Ob die Ausschläge im sterbenden Gehirn tatsächlich ein Erleben erzeugen, lässt sich nicht prüfen: Keiner der Patienten hat überlebt, und vier Fälle sind keine Statistik.
Die Chemie: Opioide, Ketamin, DMT
Neben der elektrischen gibt es eine chemische Spur. In Lebensgefahr schüttet der Körper Stresshormone und körpereigene Opioide wie Endorphine aus, die Schmerz dämpfen und Ruhe erzeugen können. Der Mediziner Daniel Carr hat schon 1981 die Hypothese aufgestellt, dass sie den Frieden in Nahtoderfahrungen erklären. Bewiesen ist das bis heute nicht.
Ein anderer Ansatz vergleicht, was Menschen beschreiben. 2019 legte das Lütticher Team 625 Berichte von Nahtoderfahrungen neben rund 15.000 Berichte über 165 Drogen. Am ähnlichsten waren die Schilderungen nach Ketamin, einem Narkosemittel, das den NMDA-Rezeptor für den Botenstoff Glutamat blockiert. Weit vorne lagen je nach Auswertung außerdem Salvia divinorum, deren Wirkstoff am selben Rezeptor ansetzt wie die körpereigenen Dynorphine, und Psychedelika wie Ayahuasca, LSD und DMT.
DMT wurde auch im Labor getestet. In einem Londoner Versuch erhielten 13 Freiwillige den Wirkstoff und ein Placebo. Unter DMT stiegen ihre Werte auf der Greyson-Skala deutlich an, und ihre Erlebnisse überschnitten sich in den meisten Merkmalen mit echten Nahtoderfahrungen.
Ein Modell für das Ganze
2025 hat ein internationales Team um die Lütticher Neurowissenschaftlerin Charlotte Martial in Nature Reviews Neurology versucht, diese Teile zusammenzusetzen. Das Modell heißt NEPTUNE und beginnt beim Herzstillstand: Der Blutdruck fällt, Sauerstoff fehlt, Kohlendioxid steigt, die Energieversorgung der Zellen bricht ein, das Gewebe übersäuert.
Daraus folgt eine Übererregung von Nervenzellen, unter anderem an der TPJ und im Hinterhauptslappen, und eine massive Ausschüttung von Botenstoffen. Serotonin am 5-HT1A-Rezeptor, Endorphine und GABA sollen die Ruhe erzeugen, Serotonin am 5-HT2A-Rezeptor und Dopamin die Bilder, Dopamin außerdem das Gefühl, alles sei wirklicher als die Wirklichkeit. Eine gestörte Glutamat-Übertragung, wie sie auch Ketamin auslöst, könnte zur Loslösung vom Körper beitragen, Noradrenalin, Acetylcholin und Glutamat das ungewöhnlich feste Abspeichern im Gedächtnis.
Dazu kommt ein Gedanke aus der Evolution. Viele Tiere stellen sich bei tödlicher Gefahr tot, und diese Starre könnte denselben Ursprung haben wie die Nahtoderfahrung beim Menschen. Die Autoren betonen selbst, dass das Modell vorerst theoretisch ist.
Was die Erklärungen nicht erklären
Bei aller Plausibilität bleibt eine Lücke. Jede dieser Erklärungen beruht auf einem Umweg: auf einer einzelnen Patientin unter Elektroden, auf Piloten in der Zentrifuge, auf Ratten, auf vier Sterbenden, auf Drogenberichten. Ein Experiment, das eine Nahtoderfahrung bei einem Herzstillstand von Anfang bis Ende im Gehirn verfolgt, gibt es nicht, und es ist kaum vorstellbar.
Dazu kommen Befunde, die einfache Erklärungen stören. Schon van Lommel fand keinen Zusammenhang mit der Dauer des Herzstillstands oder der Bewusstlosigkeit und hielt fest: Wäre Sauerstoffmangel die ganze Erklärung, müssten die meisten klinisch Toten eine Nahtoderfahrung berichten. Es waren 18 Prozent.
Nahtoderfahrungen treten außerdem bei Menschen auf, die gar nicht in Lebensgefahr waren. In einer Studie von 1990 wären 28 von 58 Betroffenen ohne Behandlung gestorben, die übrigen 30 waren nie in Gefahr, glaubten es aber meist. Ihre Erlebnisse ähnelten sich stark. Nur wer wirklich dem Tod nahe war, sah häufiger ein helles Licht und dachte klarer.
Eine belgische Auswertung von 2014 bestätigte das. 50 Erlebnisse nach Ereignissen ohne echte Lebensgefahr unterschieden sich in Intensität und Inhalt nicht von 140 nach einem Koma. Sauerstoffmangel allein erklärt also nicht alle Nahtoderfahrungen. In einer slowenischen Studie von 2010 hatten Reanimierte mit Nahtoderfahrung mehr Kohlendioxid im Blut als die anderen, und je höher Kohlendioxid und Kalium lagen, desto ausgeprägter war das Erlebnis.
Auch die Erinnerungen selbst sind ungewöhnlich. In einer kleinen Lütticher Studie von 2013 enthielten Erinnerungen an Nahtoderfahrungen mehr Merkmale als Erinnerungen an echte Ereignisse. Van Lommel befragte seine Patienten nach zwei und nach acht Jahren erneut: Wer eine Nahtoderfahrung gehabt hatte, hatte weniger Angst vor dem Tod und fand mehr Sinn im Leben, und diese Veränderung war nach acht Jahren noch ausgeprägter als nach zwei.
Gleiches Gehirn, andere Geschichten
Zum Schluss die Kultur. Weil das menschliche Gehirn überall gleich gebaut ist, liegt die Erwartung nahe, dass Nahtoderfahrungen weltweit gleich aussehen. Der Vergleich zeigt etwas anderes, und zwar auf zwei Ebenen.
Die erste ist die Deutung. Wer im Westen aufgewachsen ist, erkennt in einer Lichtgestalt oft einen verstorbenen Angehörigen oder eine christliche Figur. In einer indischen Studie von 1986 kehrte ein Motiv immer wieder: Boten holen die Person ab und schicken sie zurück, weil ein Irrtum vorliegt. In manchen Berichten war jemand anderer mit demselben Namen gemeint, in anderen hatte sich der Schreiber von Yama, dem Gott des Todes, vertan.
Die zweite Ebene geht tiefer, denn auch der Inhalt selbst schwankt. Der Soziologe Allan Kellehear kam 1993 zum Schluss, dass Tunnel und Lebensrückblick kulturgebundene Elemente sind, die vor allem in Gesellschaften vorkommen, in denen die großen historischen Religionen vorherrschen. Für den Tunnel engte er das später weiter ein: 1994 fand er mit Kollegen in 45 indischen Berichten keinen einzigen. In einer Bestandsaufnahme nicht-westlicher Berichte von 2009 tauchte in den wenigen Berichten aus Afrika und von australischen Aborigines keine außerkörperliche Erfahrung auf, in denen aus Hawaii, Guam und Afrika kein Lebensrückblick.
Ganz einig ist sich die Forschung darin nicht. Susan Blackmore fand unter wenigen indischen Zuschriften auch drei mit Tunnel oder Dunkelheit, und die Daten aus nicht-westlichen Kulturen bestehen oft aus kleinen Sammlungen und Einzelberichten. Sie sprechen trotzdem eher dafür, dass das Gehirn wiederkehrende Motive liefert und dass spätestens beim Erinnern und Erzählen die Bilder dazukommen, die jemand kennt.
Mein Fazit
Nahtoderfahrungen sind real in dem Sinn, dass Menschen sie wirklich erleben und dass man sie messen, zählen und vergleichen kann. Die Hirnforschung hat für mehrere Bausteine plausible Kandidaten, auch wenn davon wenig direkt belegt ist. Der direkte Versuch, eine Wahrnehmung außerhalb des Körpers nachzuweisen, hat in zwei großen Studien kein einziges erkanntes Bild gebracht.
Was bleibt, ist für mich eher die Leistung des Gehirns an seiner äußersten Grenze. Aus Sauerstoffmangel, einem letzten elektrischen Aufflackern und einer Flut von Botenstoffen baut es ein Erlebnis, das viele Menschen für den Rest ihres Lebens als das klarste beschreiben, das sie je hatten.
Und es benutzt dafür die Bilder, die es mitgebracht hat.
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