Eine Hirnentzündung, in der Medizin Enzephalitis, kann ein Virus auslösen oder das eigene Immunsystem, wenn es das Gehirn angreift. Laut einer Übersichtsarbeit über 101 Studien mit mehr als 4.700 Überlebenden hat gut jeder Vierte drei Monate oder länger danach eine Depression. Auch bei Depressionen ohne Enzephalitis finden sich Spuren einer Entzündung im Gehirn: Eine Studie aus Toronto fand 2015 bei 20 Menschen in einer depressiven Episode im Schnitt einen um rund 30 Prozent höheren Wert eines Markers für aktivierte Immunzellen im Gehirn als bei 20 Gesunden. Im Blut depressiver Menschen sind zudem im Schnitt die entzündungsfördernden Botenstoffe IL-6 und TNF-α erhöht. Genau solche Botenstoffe lösen bei einem Infekt das typische Krankheitsgefühl aus: Rückzug, Erschöpfung, keine Lust auf irgendetwas. Dass sich eine Depression manchmal anfühlt wie eine Grippe, hat also womöglich einen körperlichen Grund. Was zuerst da ist, die Entzündung oder die Depression, ist noch offen, vermutlich wirkt es in beide Richtungen.
Quellen
- Watson et al., Psychiatric and behavioural sequelae following encephalitis: a systematic review and meta-analysis, Brain Communications 2026: doi.org
- King's College London, Pressemitteilung zur Übersichtsarbeit, 18.06.2026: kcl.ac.uk
- Setiawan et al., Role of translocator protein density, a marker of neuroinflammation, in the brain during major depressive episodes, JAMA Psychiatry 2015: pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- Dowlati et al., A meta-analysis of cytokines in major depression, Biological Psychiatry 2010: pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- Dantzer et al., From inflammation to sickness and depression: when the immune system subjugates the brain, Nature Reviews Neuroscience 2008: pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- Beurel, Toups, Nemeroff, The bidirectional relationship of depression and inflammation: double trouble, Neuron 2020: doi.org